Dämonen der Vergangenheit

»Captain Tyron bitte auf die Brücke«, tönte es auf dem Lautsprecher. Der Gerufene wälzte sich unruhig auf seinem Bett hin und her. Er war müde, er schwitzte, und ständig verschwamm alles vor seinen Augen.
»Captain Tyron bitte sofort auf die Brücke.«, klang es erneut, und Marc wußte, wenn Lieutenant Commander Hinkley in diesem Tonfall sprach, gab es Probleme. Mit sehr viel Mühe und etlichen Kollisionen mit diversen Möbeln schaffte er es bis zum Interkom. Mit dünner und sehr leiser Stimme krächzte der Captain in das Mikrofon: »Tyron hier. Was ist los, Mr. Hinkley?«
»Sir, das sollten Sie sich selbst ansehen.« Tyron verdrehte die Augen. Von allen Dingen, die er jetzt garantiert nicht machen wollte, stand Rätselraten an erster Stelle: »Ich bin nicht zu einer Sight-Seeing-Tour aufgelegt, Commander. Was ist los?!»
«Captain, wir haben gerade ein Schiffswrack auf den Scannern ausgemacht.«
»Dann nehmen Sie Kurs auf das Wrack und schicken einen Arzt in meine Kabine genau in der Reihenfolge. Tyron Ende.« Sein Hals begann wieder zu kratzen. Marc Tyron fluchte und ließ sich in seinen Sessel fallen. Wie froh war er jetzt, daß er bei seinem Kommandoantritt auf einem Ledersessel bestanden und den Kunststoffstuhl zurückgewiesen hatte! Das weiche, kalte Leder schien für ein paar Sekunden die Schmerzen und die Schwäche zu eliminieren, doch noch ehe er diesen Gedanken beenden konnte, fühlte er seine Knochen wieder.

Auf der Brücke der Republic ließ sich ein anderer Offizier in eine andere Sitzgelegenheit fallen. Lieutenant Commander Jerry Hinkley nahm im Sessel des Captains Platz, gab Befehl, Kurs auf das Wrack zu nehmen, und drückte dann den Knopf für die Krankenstation: »Hinkley an Krankenstation.«
»Krankenstation, Dr. Greenlake. Brauchen Sie wieder ein Mittel gegen Kopfschmerzen nach ihrer dienstfreien Nacht, Commander?«
»Doktor, wenn sie ihre letzte Meldung bitte noch einmal wiederholen könnten und diesmal vielleicht etwas lauter ich glaube, einige Personen im Maschinenraum haben noch nichts gehört!« zischte Hinkley in das Interkom und blickte dabei argwöhnisch zu den Anwesenden auf der Brücke. Keiner von ihnen wagte es in diesem Moment, zu lachen oder auch nur den Anschein zu erwecken, daß er den Witz des Doktors lustig fand.
»Der Captain hat um Ihre Hilfe gebeten.«
Der humorvolle Unterton verschwand aus der Stimme des Doktors, als sie sagte: »Bin schon unterwegs. Greenlake Ende.«
Jerry lehnte sich zurück und blickte noch einmal über die Brücke. Diese offene Anspielung des Doktors auf die Art und Weise, wie er oft seine Freizeit verbrachte, war mehr als peinlich.
»Kurs programmiert, Sir«, riß ihn Lieutenant Shugal aus seinen Gedanken.
»Warp 6«, war die kurze Antwort des Ersten Offiziers.

»Machen Sie den Mund auf, und strecken Sie die Zunge raus, Captain.«
»Doktor, meinen Sie nicht, wir sind schon etwas zu alt für solche Scherze?»
«Machen Sie den Mund auf, und strecken Sie die Zunge raus!«, befahl der Doktor in einem etwas harscheren Ton. Zielsicher schloß sich ihre Hand um das Kinn des Captains und drückte zu. Mit einem geübten Griff öffnete sie langsam den Mund ihres Patienten. Dr. Greenlake wollte auf diese Weise wohl weitere Mißverständnisse vermeiden. Ihr sonst so warmherziger Blick wich einem fordernden Stieren. Tyron kannte diesen Blick, und er entschloß sich, der Forderung nachzugeben, auch wenn er sich etwas blöd vorkam.
»Können Sie nicht einfach mit Ihrem Zwirs-Ding ein wenig vor meinen Augen herumfuchteln, mir danach ein Hyprospray geben, und dann ist alles wieder gut?«
Dr. Greenlake holte tief Luft und blickte zur Decke: »Ich kann gar nichts tun, solange ich nicht gefahrlos mit meinen Fingern in Ihren Mund komme! Würden sie also bitte...«
Tyron kooperierte, äffte den Doktor aber in Gedanken nach. Nach weiteren zwei Minuten, die Tyron wie eine Ewigkeit vorkamen, war Doktor Greenlake zu einer Diagnose bereit.
»Sie haben rigelianisches Fieber der schlimmsten Art«, ließ sie verlauten, während sie absolut teilnahmslos in der Gegend umherstierte, »es beginnt mit Halsschmerzen, Gliederschmerzen und Fieber. Später kommen Übelkeit und Schwindel dazu. Ich rate Ihnen, es sich in Ihrem Bett bequem zu machen. Ich werde jetzt noch – ganz ihrem Wunsch entsprechend – ein wenig mit meinem Zwirs-Ding vor Ihren Augen herumfuchteln, Ihnen danach ein Hypospray geben, und dann wird alles wieder gut.«
»Doktor, Sie werden mir kein Beruhigungsmittel geben! Das ist ein Befehl. Ich muß auf die Brücke.«
Ohne darauf zu reagieren drehte Doktor Greenlake mit ihrem Scanner einige Kreise vor den Augen des Captains, griff dann zu ihrem Hypospray und injizierte ihm eine blaue Flüssigkeit. Tyron blickte sie während der ganzen Zeit mißtrauisch an.
»Vielleicht sollten Sie jetzt zuerst einmal ins Bett. Das Medikament wird in den ersten Minuten etwas einschläfernd auf Sie wirken. Aber das gibt sich rasch.«
Kraftvoll griff die Ärztin nach dem Arm des Captains und half ihrem Vorgesetzten ins Bett. Marc hatte gerade das Bett erreicht und sich dort langgemacht, als ihm die Augen zufielen. Doktor Greenlake grinste kurz, deckte Tyron zu, löschte das Licht und verließ seine Kabine.

»Rendezvous mit dem unbekannten Wrack in schätzungsweise einer Minute, Sir.«
Der Lieutenant Commander lehnte sich zurück und nickte Lieutenant Shugal kurz zu. In seinen Gedanken war er bereits bei dem Wrack. Die Tatsache, daß sie auf ein trudelndes Geheimnis zusteuerten und er wohl ohne die Hilfe des Captains auskommen mußte, ließ eine gewisse Unruhe in ihm aufkommen. Zwar hatte er durchaus Ambitionen, selbst einmal auf seinem eigenen Schiff das Kommandozepter schwingen zu können, doch warum mußte er ausgerechnet so einen Mist serviert bekommen?
»Commander, wir haben jetzt genauere Sensordaten. Bei dem Wrack handelt es sich um die Überreste eines Schiffes der Sternenflotte. Darauf läßt die Zusammensetzung des Schiffes schließen. Soweit man das trotz der Schäden von hier aus beurteilen kann, handelt es sich entweder um eine Constitution- oder eine Dreadnought-Klasse.«
»Danke,Mr. Syrex. Läßt sich auch feststellen, was die Schäden verursacht hat?«
»Es handelt sich ohne Frage um Gefechtsschäden. Auf der Außenhülle sind Spuren von Beschuß erkennbar, und die Lecks im Rumpf sprechen eine deutliche Sprache, Sir.«
»Wir gehen vorsichtshalber auf Alarmstufe Rot, Lieutenant.« Hinkley drückte den entsprechenden Knopf in seiner Armlehne. »Bringen Sie zwischenzeitlich in Erfahrung, ob an Bord des Schiffes noch Lebensformen sind und ob noch irgendetwas funktioniert.«
»Aye, Sir«, war die knappe Antwort des Vulkaniers. Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann kam die gewünschte Information: »Ich habe sporadische biologische Anzeigen auf dem Scanner. Es erweckt aber eher den Anschein, daß es sich dabei um die Überreste einer oder mehrer Lebensformen handelt. Die Energiewerte der Schiffssysteme lassen auf eine weitreichende Erschöpfung der Reserven und auf starke Schäden schließen. Genaue Ablesungen sind wegen starker Strahlungsentwicklung allerdings nicht möglich.«
Lieutenant Commander Hinkley stand auf und warf einen Blick in die »Wundertüte«, wie der Sensorschirm auf der Republic scherzhaft genannt wurde. Er justierte die Sensoren mehrmals nach, kam aber zum gleichen Schluß wie Lieutenant Syrex – die Auswertungen waren nicht besonders ergiebig. Eines konnte er aber schon jetzt sagen - die Republic kam zu spät. An Rettung war nicht mehr zu denken, eher an Beseitigung der Überreste.
»Krankenstation an Brücke«, schallte es aus dem Interkom, »der Captain hat sich etwas hingelegt. Rechnen Sie die nächsten Stunden nicht mit ihm.«
»Hier Hinkley. Ich habe verstanden. Brücke Ende.« Hinkleys Miene verfinsterte sich. Seine schlimmsten Befürchtungen schienen sich zu bewahrheiten. Ein vielleicht gefährliches Rätsel, das er ganz alleine lösen durfte – er hätte wohl lieber im Bett bleiben sollen.

Langsam trudelte das schwer angeschlagene Sternenflottenschiff auf die Republic zu. Durch die unregelmäßige Drehung bekam man nur Stück für Stück einen Eindruck vom Gesamtschaden. Überall auf der Außenhülle waren deutlich die Spuren des Beschusses zu erkennen, die sehr schnell deutlich machten, daß der Angreifer nicht sehr gezielt gefeuert hatte, sondern einfach nur wild drauflos. Die Antriebssektion war genauso schwer beschädigt wie die bewohnte Untertassensetkion übersät mit Löchern und verkohlt von den feindlichen Waffen.

»Können Sie die Registernummer erkennen, Lieutenant Shugal?«, fragte Lieutenant Commander Hinkley, während er sich mit zusammengekniffenen Augen nach vorne beugte, um besser sehen zu können.
»Da... vergrößern Sie die Darstellung auf dem Hauptschirm. Jetzt ist die Unterseite der Primärhülle erkennbar.«
Es vergingen einige Sekunden, bis das Bild auf dem Hauptschirm vergrößert und scharfgestellt war. Doch jetzt konnte man tatsächlich etwas erkennen. Als erster brach Fähnrich Munroe das Schweigen, der gerade erst Lieutenant Commander Hinkleys Posten an der Wissenschaftsstation übernommen hatte: »Soweit ich das entziffern kann, ist das die Registernummer 1702, Sir. Es ist die Farragut.«
In Hinkleys Gehirn begann es zu arbeiten. Er kannte den Kommandanten der Farragut. Er konnte sich sogar noch an sein Gesicht erinnern. Der Mann hatte grau melierte braune Haare und durchdringende grüne Augen. Seine Stimme war sehr sanft und sein ganzes Wesen sehr ausgeglichen gewesen.

»Der Captain der Farragut war Christian Heppner,« las Fähnrich Munroe laut vor, »laut Computer hat er die Farragut vor 7 Jahren übernommen. Weitere Informationen sind Offizieren mit einer Sicherheitsfreigabe Ebene 9 oder höher vorbehalten.«
Jerry Hinkley konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und schwang sich übermütig aus dem Sessel: »Dann lassen Sie mich das mal machen, Fähnrich.«
Mit einem schnellen Schritt hatte er sich vor den Fähnrich geschoben und arbeitete nun an der Station. Nachdem der Lieutenant Commander seinen Code eingegeben hatte, studierte er ausgiebig die Informationsanzeige in der Wundertüte. Hin und wieder gab er ein erstauntes »Aha!« von sich, doch mehr war nicht in Erfahrung zu bringen. Erst nach einigen Minuten blickte er wieder auf und wandte sich an den Steuermann: »Wie lange noch, bis wir nahe genug an der Farragut dran sind, um sie mit dem Traktorstrahl zu erfassen, Mr. Shugal?«
»Rendezvous mit der Farragut in exakt...« Lieutenant Shugal blickte auf den Schiffschronometer und rechnete einige Sekunden, »...3 Minuten, Sir.«
»Gut. Bis wir dort sind, will ich von Ihnen, Mr. Bradey, wissen, wo wir den Traktorstrahl am besten ansetzen können, ohne das Schiff zu zerreißen, und Sie, Lieutenant Todd, informieren bitte die nächste Sternenbasis über unseren Fund und bitten um Erlaubnis, das Schiffswrack bergen zu dürfen.«
»Aye, Sir!« kam es wie aus einem Mund, als die Offiziere mit ihrer Arbeit begannen.

Langsam kam die Republic dem Wrack näher und setzte sich mit einem eleganten Manöver darunter. Beide Schiffe standen jetzt im rechten Winkel zueinander. Um diese Stellung beizubehalten, begann die Republic nun, sich den Schlingerbewegung des Wracks so gut wie möglich anzupassen, was nach einigen Anlaufproblemen auch ganz gut funktionierte. Als eine ideale Position erreicht war, schoß der Traktorstrahl von der Republic zur Farragut hinüber und koppelte sich an der Antriebssektion des Wracks an. Mit einem Ruck wurden die unkontrollierten Bewegungen eingeschränkt und durch sanftes Abbremsen der Republic schließlich ganz beendet. Kaum standen beide Schiffe still im Raum, wurde der Traktorstrahl wieder abgeschaltet.

»Sie hatten Recht, Mr. Bradey. Die Farragut hat gehalten.«
»Das hat sie, Commander. Allerdings muß ich zugeben, daß ich mir nicht ganz sicher war.«
»Warum nicht, Lieutenant?«
»Die Strahlung verhindert genauere Ablesungen. Ich habe mich auf meine Erfahrung, meinen Instinkt und das verlassen, was ich auf dem Hauptschirm sehe. Die Antriebssektion hat die wenigsten Löcher, also bin ich davon ausgegangen, daß sie halten wird.«
Ein Raunen ging auf der Brücke herum. Lieutenant Syrex verdrehte kurz die Augen und stierte auf seine Konsolen. Er würde nie verstehen, warum sein Freund Robert immer so ehrlich sein mußte. Warum hatte er sich nicht einfach beim Ersten für das Kompliment bedankt und danach die Klappe gehalten?
»Sie haben also geschätzt, Mr. Bradey?« fragte der Lieutenant Commander nicht ohne einen überraschten Unterton.
»Ja, Sir.«
»Sie haben sich auf Ihre Erfahrung verlassen, richtig?«
»Ja, Sir.»
«Und wie viel Erfahrung haben Sie mit schwer beschädigten Kreuzern der Constitution-Klasse?«
Robert Bradey stockte kurz und merkte scheinbar erst jetzt, daß er sich in eine Sackgasse manövriert hatte: »Das war meine erste, Sir.«
Der Erste Offizier verkniff sich jeden weiteren Kommentar.

»Commander, Raumbasis 17 meldet, daß sie bereit ist, die Farragut aufzunehmen.«
»Danke, Lieutenant Todd,« bestätigte Hinkley kurz, während er mit gemächlichen Schritten auf der Brücke auf und ab ging. Sein Blick war starr und in die Leere gerichtet, mit der Hand rieb er sich das Kinn, und immer wieder holte er tief Luft. Irgend etwas ging ihm wohl durch den Kopf, aber bis jetzt teilte er diese Gedanken noch mit niemanden.
Erst nach einigen weiteren Minuten brach es aus ihm heraus: »Ich würde am liebsten dieses Wrack nehmen und dann das Gebiet verlassen. Aber wenn wir nicht herausbekommen, wer oder was die Farragut angegriffen hat bzw. wieviel Zeit seit diesem Angriff schon vergangen ist, setzen wir andere Schiffe auf dieser Route einer unnötigen Gefahr aus.«
Bei den letzten Worten hob er seinen Kopf und ließ seinen Blick über die Brücke gleiten.
»Oder ist irgendjemand anderer Meinung?«
Die auf diese Frage folgende Stille war Antwort genug.

»Wir werden in Raumanzügen auf die Farragut beamen. Mit ›wir‹ meine ich ich Lieutenant Syrex, Doktor Greenlake, sechs Sicherheitsoffiziere und mich selbst. Mr. Bradey, trauen Sie es sich zu, während meiner Abwesenheit das Kommando zu übernehmen?«
Selbstsicher und wie aus der Pistole geschossen antwortete der Chefingenieur: »Ja, Sir.«
»Gut, dann wäre ja alles geklärt. Lieutenant Todd, informieren Sie Dr. Greenlake und den Sicherheitsoffizier vom Dienst. Wir beamen in fünf Minuten. Jeder hat im Raumanzug und mit der typischen Standardausrüstung zu erscheinen. Wenn wir drüben sind, werden wir die Strahlenquellen auf der Farragut ausschalten, die einen Scan verhindern, und das Logbuch sicherstellen. Sollte es Probleme geben, beamen Sie uns sofort zurück, Mr. Bradey«
»Sir, es gibt nur einige Transporterfenster, in denen wir Sie beamen können. Den Rest können wir nicht erfassen.«
»Ich weiß, Lieutenant. Wir werden uns in einem entsprechenden Fall natürlich zu einem dieser Fenster begeben.«
Der Lieutenant konnte gerade noch »Aye, aye, Sir!« sagen, bevor sich die Türen des Turoblifts hinter Lieutenant Commander Hinkley schlossen.

Dr. Greenlake fluchte. Sie haßte Raumanzüge. Sie haßte die enge Umkleidekabine, und sie haßte es, sich über solche Dinge aufzuregen. Wie schön hatte sie es doch auf ihrer Universität auf der Erde gehabt! Warum nur mußte sie damals angeben, daß sie auch für den Dienst auf einem Raumschiff bereit wäre. Jetzt saß sie hier und wußte nicht mehr weiter.
»Das bringt dich keinen Schritt weiter, Winddancer,« sagte sie laut vor sich hin um sich zu sammeln. Sie atmete mehrmals tief durch und verdrängte so schrittweise den aufkeimenden Ärger. Mit jedem Atemzug fühlte sie sich leichter und ausgeglichener. Als sie schließlich die Augen öffnete, mußte sie lachen. Der Spiegel vor ihr zeigte eine Frau, die hilflos mit einem Bein in das Hosenbein und mit dem anderen Bein in den Ärmel gestiegen war.
Kopfschüttelnd stieg sie wieder aus dem Anzug und versucht sich an die eigentlich relativ einfache Prozedur für das Anlegen dieser Dinger zu erinnern.
»Das war doch ganz unkompliziert?«
Unsicher legte sie den Anzug zur Seite und holte sich einen neuen aus dem Schrank. Zielsicher stieg sie in die beiden Hosenbeine, zog sich dann das verbleibende Oberteil über, setzte eine neue Versorgungseinheit ein und griff sich einen Helm. Zufrieden betrachtete sie ihr Werk im Spiegel.
»Winddancer, das hast du gut gemacht. Jetzt wirst du ganz ruhig da raus gehen und dann einen der hübschen jungen Offiziere fragen, ob alles richtig sitzt. Genau das machst du ... genau.«
Sprachs und trat durch die Türe über den Gang in den Transporterraum.

»Ah, Dr. Greenlake. Wir haben schon auf Sie gewartet. Ist ihre Ausrüstung geprüft?«
»Noch nicht, Commander. Ich hatte Probleme mit einem offensichtlich fehlerhaften Raumanzug. Vielleicht könnte der junge Crewman an der Transporterkonsole noch mal nachsehen, ob alles stimmt?«
Unter den amüsierten Blicken des Lieutenent Commanders folgte der Techniker der Aufforderung und kontrollierte den Raumanzug auf seine Funktionalität. Ein paar Griffe, ein kurzer Blick und er konnte grünes Licht geben.
»Alles in Ordnung, Ma'am.«
»Na dann wollen wir mal, Doktor!«
»Zuerst werde ich Ihnen allen noch eine Injektion gegen die Strahlung auf der Farragut geben müssen.«
»Tun Sie das, Doktor. Crewman, beeinträchtigt die Strahlung den Transport in irgend einer Weise?«
»Nein, Sir. Solange ich Sie zu einem der Strahlungsfenster beame, ist keine Beeinträchtigung zu erwarten.«
»Gut!«
Mit einem schnellen Blick vergewisserte sich Hinkley, daß der Doktor mit den Injektionen fertig und zum Transport bereit war.
»Energie!«

Die Gruppe materialisierte in einem Gang in der Untertassensektion des Wracks. Das flackernde Licht verlieh dem Gang eine gespenstische Atmosphäre. Überall von den Decken hingen Leitungen und verbogene Verstrebungen herab. Einige der Türen waren durch Explosionen beschädigt oder aus ihren Verankerungen gerissen worden. Die ehemals hellen Wände des Gangs hatten deutliche Rußspuren und waren stellenweise eingedrückt. Nur schwer konnten die Mitglieder der Landetruppe ein gewisses Unwohlsein unterdrücken.
»Commander, mein Tricorder zeigt hohe Methanwerte in der Luft hier an. Hier muß etwas verwesen!«
Hinkley sah den Doktor unsicher an.
»Das wird doch wohl hoffentlich nicht die Besatzung sein?«
»Was sollte es sonst sein?«
»Lassen sie es uns herausfinden, Doktor. Mr. Syrex und ich gehen voraus. Sie bleiben in der Mitte der Gruppe, Doktor. Wie ist Ihr Name, Ensign?«
»Walker, Sir.«
»Gut, Mr. Walker, Sie sind ab sofort persönlich für die Sicherheit des Doktors verantwortlich.«

Mit vorsichtigen Schritten auf dem nicht mehr besonders stabilen Boden arbeitete sich das Außenteam durch den Gang. Immer wieder mußten sie sich an herumliegenden Trümmern vorbeimogeln oder drumherumlaufen. Mit jedem Schritt stieg ihr Puls und ihre Aufregung. Jeder einzelne versuchte sich mental auf den Moment einzustellen, in dem sie das erste Mitglied der Besatzung sehen würden. Hinter jeder Biegung und hinter jedem Sichthindernis vermuteten sie das erste Opfer dieses Gefechtes.

»Die Methan-Konzentration nimmt leicht zu,« ließ der Doktor verlauten und blickte sich dabei interessiert um. »Wir müssen direkt auf eine der Quellen zulaufen.«
»Ja, tun wir, Doktor,« meldete sich Lieutenant Syrex zu Wort und blieb dabei stehen, »hier vor mir liegt ein Techniker.«
Doktor Greenlake schob den Lieutenant zur Seite und drängelte sich nach vorne durch. Direkt vor ihnen lag auf einer Deckenplatte ein junger Mann. Sein Gesicht war halbseitig geschwärzt, und eine der Schultern war verbrannt. Der Technikeranzug war an dieser Stelle zerrissen. Mit kreisenden Bewegungen ließ Doktor Greenlake den Medo-Scanner über die Leiche wandern. Die gesammelten Daten bestätigten ihren Verdacht.
»Der Mann ist an einem massiven Stromschlag gestorben.«
Ein Blick zur Decke lieferte ihr den Übeltäter. Durch eine Explosion war eine der Energieleitungen aus der Verankerung gerissen worden. Scheinbar hatte der Techniker die Deckenplatte ablösen wollen, um eine Reparatur durchführen zu können. Dabei mußte er irgendwie mit dem Kabel in Berührung gekommen sein.
»Es ist sehr schnell gegangen. Soviel ist sicher.«
»Können Sie schon sagen, wie alt die Leiche ist?«
»Die Verwesung hat bereits angefangen. So aus dem Stehgreif würde ich sagen, eine, höchsten 2 Wochen.«
»Wenn wir es genau herausfinden wollen, müssen wir uns aufteilen. Lieutenant Syrex, Sie gehen in den Maschinenraum und kümmern sich um die Strahlungsquellen. Dr. Greenlake und Mr. Walker, Sie sehen sich auf den Decks um und untersuchen jeden Toten, den Sie finden können. Ich werde mich auf die Brücke begeben und mir dort einen Überblick verschaffen. Sobald Sie Ihre Arbeit erledigt haben, geben Sie mir Bescheid. An die Arbeit.«

Auch wenn vielen in der Gruppe bei dem Gedanken daran, sich in diesem Totenschiff alleine zu bewegen, etwas mulmig wurde, folgten sie dem Befehl des ersten Offiziers. Sehr langsam teilte sich die Gruppe in mehrere kleine Grüppchen auf, und noch langsamer verschwanden diese dann in unterschiedliche Richtungen. Nur Dr. Greenlake und der ihr zugeteilte Sicherheitsoffizier – Reginald Walker – blieben auf dem Deck. Mit wachsender Neugier sammelte der Doktor Gewebeproben, machte Scans und tastete den toten Techniker von oben bis unten ab.
»Haben Sie schon etwas ungewöhnliches gefunden, Doktor?«, unterbrach der noch sehr junge Ensign Walker die drückende Stille.
Enitewa stand sehr umständlich auf und bedachte Reginald mit einem zweifelnden Blick:
»Nein, es ist absolut nicht ungewöhnlich, daß ein Mensch stirbt, wenn Starkstrom durch seinen Körper geströmt ist. Es wundert mich aber, daß noch etwas von ihm übrig ist. Mit den Gewebeproben kann ich sicher herausbekommen warum. Wir sollten uns jetzt weiter umsehen. Ich schlage vor, wir gehen ein Deck weiter nach oben und sehen uns dort um.«
Da ihr Begleiter keine anderslautenden Vorschläge machte, wandte sich der Doktor von dem Toten ab und ging in Richtung der nächsten Jefferies-Röhre. Dabei stellte sie sich vor, was sie noch alles an Bord dieses Schiffes finden würden, und schon allein der Gedanke daran ließ ihr kalte Schauer über den Rücken laufen. Mit einem verkniffenen Lächeln auf den Lippen schob sie diese Gedanken beiseite und erhöhte ihr Schritt-Tempo. Je schneller sie alle notwendigen Ergebnisse haben würde, desto schneller konnte sie dieses Geisterschiff wieder verlassen.

Schnell weiterkommen wollte auch Lt. Commander Hinkley. Er war zwar nicht ganz so eingeschüchtert wie der Doktor, aber die hier vorgefundene Situation deprimierte ihn sehr. Scheinbar hatte diese Besatzung mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln um ihr Leben gekämpft und den Kampf trotzdem verloren. Das machte ihm wieder auf schmerzliche Weise bewußt, daß es noch viele andere Völker im Universum gab, die schon sehr viel weiter waren als die Föderation. Dieses Schiff war – wie die Republic auch – eine waffenstarrende Festung gewesen. Es gehörte zu den kampfstärksten Schiffen der Flotte, und jetzt war es nur noch ein nutzloser Haufen Schrott. 428 Lebewesen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und weitreichendem Wissen waren von einem Moment zum anderen aus dem Leben verschwunden – hatten aufgehört zu existieren. All die Technik, das Wissen und der Überlebenswille schienen gegen ihren Feind nutzlos gewesen zu sein. Dieser Feind mußte gefunden und außer Gefecht gesetzt werden, bevor er weitere Offiziere und Mannschaften der Sternenflotte umbrachte! Jerry hoffte auf die Aufzeichnungen der Besatzung und vor allem auf die Einschätzung des Skippers der Farragut. Captain Heppner war ein hervorragender Taktiker gewesen. Vielleicht hatte er ja schon einen Plan und nur nicht mehr die Möglichkeit gehabt, ihn in die Tat umzusetzen? Vielleicht hatte er die Lösung, aber nicht mehr die Zeit gehabt, um sie zu nutzen? Ein tief aus der Decke hängendes Rohr beendete die Gedanken des Ersten sehr schnell. Mit einem Knall, der ohne die dünne Luft hier sicherlich weithin zu hören gewesen wäre, kollidierte sein Kopf damit.
»Vorsicht, Sir. Das Rohr hängt ziemlich weit aus der Decke heraus.«
Hinkley drehte sich langsam zu seinem Begleiter um und baute sich vor ihm auf:
»Danke für die Warnung, Ensign! Jetzt wäre ich fast dagegen gelaufen. Gut, daß Sie so schnell geschaltet und mich davor gewarnt haben. Ich hätte mir ja sonstwas einrennen können.«
Der Mann von der Sicherheit schwieg. Er hatte durchaus den zynischen Unterton in Hinkleys Satz gehört. Mit etwas mehr Aufmerksamkeit setzte die Gruppe den Weg zur Brücke fort. Dieser Weg war auch auf der restlichen Strecke sehr beschwerlich und äußerst bedrückend. Immer wieder mußten die beiden über die Leichen der ehemaligen Crew steigen. Am Turoblift angekommen wurde die Befürchtung von Lt. Cmdr. Hinkley bestätigt – er war defekt. Mit einem Fluch auf den Lippen schwang sich der junge Offizier in die Röhre für den Lift und begann damit, die Eisenstufen hinaufzuklettern.

Auf der Brücke angekommen holten der Commander und sein Begleiter erst einmal tief Luft. Das lag aber nicht nur an der körperlichen Anstrengung. Der Grund dafür war viel größer. Er hatte einen Durchmesser von mehreren Metern und befand sich dort, wo sonst der Chefingenieur seine Station hatte. Das Loch in der Außenhülle bot einen einmaligen Blick auf die U.S.S. Republic.
Nachdenklich ließ Jerry seinen Blick über das schweifen, was einst die Brücke der Farragut gewesen war. Wie schon befürchtet war es hier ungewöhnlich sauber. Die Brücke mußte beim Treffer auf der Außenhülle noch unter Druck gestanden haben. Auch auf den Sesseln war niemand mehr. Panik erfaßte den Ersten Offizier der Republic. Wenn der Captain durch das Loch in das All geblasen wurde, könnte auf diesem Weg auch der Datenträger mit dem Logbuch das Schiff »verlassen« haben. So schnell es bei der Unordnung möglich war, bewegte sich Jerry auf den Kommandosessel zu. In der Halterung für die Datenträger steckte noch eine Tafel. Die Überprüfung der Disk im Tricorder bestätigte, daß es sich um das aktuelle Logbuch handelte. Lt. Cmdr. Hinkley konnte sein Glück kaum fassen. Noch bevor er die Neuigkeiten an seinen Begleiter melden konnte meldete sich Lt. Syrex aus dem Maschinenraum:
»Sir, ich habe alles abgeschaltet, was Strahlung verursachen könnte. Soweit die Anzeigen hier richtig funktionieren, geht die Konzentration bereits zurück.«
»Gut gemacht, Mr. Syrex. Bleiben Sie auf Ihrem Posten. Wir holen Sie direkt mit dem Transporter heraus. Ich habe das Logbuch gefunden. Wenn der Doktor auch mit ihrer Arbeit fertig ist, können wir zurück zur Republic. Hinkley Ende.«

Der Doktor nahm die Meldung mit Freuden auf. Zuviel hatte sie sich bei ihren Streifzügen durch das Wrack ansehen müssen. Bedingt durch die unterschiedlichen Klimas auf den verschiedenen Decks war die Verwesung der Leichen unterschiedlich weit fortgeschritten und teilweise nicht mehr zu ertragen. Nur widerwillig hatte sie ihre Probenbehälter gefüllt, und einmal hätte sie sich fast übergeben müssen. Der Rückzugsbefehl des ersten Offiziers war wie eine Erlösung von dem Übel auf diesem Schiff. Ohne zu zögern ergriff sie den Arm ihres Begleiters und meldete an den ersten Offizier zurück: »Bereit zum Beamen.«

Auf der Brücke der Republic hatte es sich Robert Brady in der Zwischenzeit gemütlich gemacht. Gleich nachdem die Gruppe auf die Farragut gebeamt war, hatte er sich auf den Weg zu seinem neuen Refugium gemacht. Jetzt überblickte er mit einem zufriedenen Grinsen alle Stationen. Sein Blick stockte am ihm vertrauten Ingenieurpult. Eine der Anzeigen konnte nicht stimmen. Mit langen Schritten spurtete er an die Konsole und drückte einige Knöpfe.
»Das kann doch nicht sein«, zischte er kopfschüttelnd vor sich hin, »das darf es nicht geben.«
Zielsicher griff er zum Interkom und drückte den Knopf zum Öffnen des Kanals:
»Maschinenraum?! Brady hier! Ich habe grade die Diagramme für die Energiereserven kontrolliert. Wir haben aus unerfindlichen Gründen 8% unserer Reserven verloren. Kontrollieren Sie sofort die Energieabgabe des Warpkerns und der Impulsreaktoren! Kein System an Bord verbraucht soviel Energie, daß der Warpkern nicht damit klarkommen würde. Unsere Reserven müßten unangetastet sein. Ich erwarte in spätestens 3 Minuten eine Rückmeldung! Brady Ende.«

Robert brauchte nicht lange zu warten. Der Maschinenraum bestätigte, daß die Energieabgabe von Warpkern und Impulsreaktoren nominal waren. Unter normalen Umständen hätte damit alles – auch die Schilde – versorgt werden können, ohne dabei die Energiereserven der Republic anzugreifen. Das alles war dem jungen Mann doch sehr suspekt. Ohne lange zu zögern setzte er sich auf seinen Stammplatz auf der Brücke und begann damit, den Energieverbrauch der aktiven System zu kontrollieren. Sehr bald bemerkte er, wo der Energiefresser war. Die aktivierten Schutzschilde verbrauchten doppelt soviel Energie wie sonst. Da war es wirklich kein Wunder, daß die Energiereserven angegriffen wurden.
»Lieutenant Sh™ugâl, bewegen Sie die Republic von diesem Platz weg. Nehmen sie Stellung auf der anderen Seite der Farragut. Die Schilde konsumieren ungewöhnlich viel Energie. Vielleicht liegen wir mitten in einer Strahlungsspur der Farragut.«
»Das glaube ich nicht. Unsere Sensoren hätten diese Spur entdeckt und uns gewarnt«, widersprach Sh™ugâl.
Robert seufzte leise.
»Stimmt. Aber was ist es dann?«
»Ich kann auf den Sensoren nichts ausmachen, was als übermäßige Belastung für die Schilde ...«, Ensign Munroe stockte kurz und ging etwas näher an den Sensorschirm heran, kroch schon fast in ihn hinein, »Sir, ich habe den Grund für den hohen Energieverbrauch gefunden! Etwas saugt die Schilde aus, und diese Verluste werden vom Systemen sofort wieder ausgeglichen. Deshalb der hohe Energieverbrauch.«
Lt. Brady legte die Stirn in Falten und stierte ins Leere. Dann richtete er sich an Lt. Sh™ugâl: »Was meinen Sie? Die Strahlung von der Farragut ist nicht so gefährlich, daß wir die Schilde unbedingt brauchen.«
«Das ist richtig«, erwiderte Sh™ugâl. »Aber was auch immer die Energie von den Schilden abzieht, könnte noch mehr Schaden anrichten, wenn es direkt auf das Schiff zugreifen kann.»
«Genau das war auch mein Gedanke. Mr. Munroe, wo befindet sich das Team zur Zeit?«
Der Ensign kontrollierte die Sensoranzeigen und meldete dann: »Sie sind bereits in den Bereichen, wo wir sie nicht mehr erreichen können.«
»Mist. Dann muß es so gehen«, fluchte Robert leise vor sich hin und richtete sich dann direkt an Lt. Sh™ugâl: »Bringen sie die Republic von der Farragut weg. Mr. Munroe, Sie behalten die Anzeigen im Auge. Sobald der Energieabzug von den Schilden nachläßt, sagen Sie bitte Bescheid.« Die beiden Offiziere bestätigen kurz den Befehl und machten sich dann an die Arbeit. Als der Steuermann den Antrieb aktivierte, erzitterte das Schiff kurz, bewegte sich aber nicht von der Stelle. Roberts Blick zu Ensign Munroe bestätigte die Befürchtungen. Jetzt wurde die Energie direkt von den Impulstriebwerken abgezogen. Die Energie, die sonst für den Antrieb verwendet wurde, verschwand, bevor sie etwas bewirken konnte. Lt. Sh™ugâl schaltete auf Warpantrieb um, doch auch hier wurde er enttäuscht. Egal, wie hoch er die Triebwerke einstellte, die Republic bewegte sich nicht vom Fleck.
»Wir sitzen hier fest«, bemerkte Lt. Brady treffend. »Alle Triebwerke wieder abschalten, das kostet nur unnötig Energie. Jetzt können wir nur noch warten, bis Commander Hinkley wieder erreichbar ist. Oder geht es dem Captain plötzlich wieder besser?«
Betretenes Schweigen machte sich breit.
»Also gut. Bis die Gruppe wieder an Bord ist, erwarte ich von Ihnen Vorschläge, wer oder was uns derart außer Gefecht setzen könnte. Ich mache mir zu dem Thema auch meine Gedanken.«
Die weiterhin herrschende Stille genügte Robert als Bestätigung. Deprimiert ließ er sich wieder in den Sessel des Captains fallen. So hatte er sich sein erstes Kommando nicht vorgestellt.

Das Team von der Farragut materialisierte auf der Transporterplattform. Robert war sehr nervös. Nur noch wenige Augenblicke, dann mußte er dem ersten Offizier sagen, daß die Republic festsaß. Kaum war Lieutenant Commander Hinkley komplett wiederhergestellt, sprang er von der Plattform und öffnete hastig den Raumanzug.
»Hier, Mr. Brady. Das sind die Logbücher der USS Farragut. Darauf müssen auch die Aufzeichnungen des Unglücks enthalten sein. Laden Sie das in den Computer. In fünf Minuten treffen wir uns alle im Besprechungsraum!«
Das letzte Wort war noch nicht abgeschlossen, da war der Erste schon durch die Tür und aus dem Blickfeld der anderen. Auch der Rest der Gruppe ging nun rasch in die Umkleidekammern. Niemand wollte zu spät kommen. Zurück blieb Robert Brady, der sich erst langsam klar darüber wurde, daß in weniger als fünf Minuten der Inhalt der Disk in seinen Händen im Computer der Republic sein mußte. Wortlos spurtete er nach einer kurzen Denkpause los, um alles vorzubereiten.

In der folgenden Besprechung sahen sich die Offiziere die Logbuchaufzeichnungen der Farragut an.

»Logbuch der U.S.S. Farragut. Captain Heppner, Nachtrag. Wir werden nun seit 36 Stunden hier festgehalten. Bis jetzt haben wir nur herausgefunden, daß irgend etwas oder irgend jemand Energie von der Farragut abzieht. Sobald wir den Output erhöhen, um uns vorwärts zu bewegen, erhöht sich gleichzeitig der Energieabzug. Wir werden weitere Untersuchungen anstellen. Heppner Ende.«

»Logbuch der U.S.S. Farra...(Geräusch eines Treffers im Hintergrund, der Captain muß sich kurz unterbrechen, wird anscheinend vom Treffer aus dem Gleichgewicht gebracht)...der U.S.S. Farragut. Captain Heppner, Nachtrag. Seit dem letzten Eintrag sind 30 Minuten vergangen. Die Energieabsorption geht weiter. Zusätzlich wird die Farragut nun angegriffen. Die Treffer kommen in regelmäßigen Abständen von 20 Sekunden und werden jedesmal stä...(ein weiterer Treffer)...stärker. Unsere Schilde sind kurz vor dem Zusammenbruch. Alle Treffer erfolgen in den achteren Sektionen. Manövrieren ist weiterhin nicht möglich. Sehe keine weitere Möglichkeit den unbekannten Angreifer zu bekämpfen. Werde jetzt... (starke Explosion im Hintergrund, Geräusche von entweichender Luft, man hört den Captain kurz aufschreien – Ende der Aufzeichnung)«

»Commander Hinkley«, richtete sich Robert etwas bleich an den ersten Offizier, »kurz nachdem Ihr Team auf die Farragut gegangen ist, hat irgend etwas damit begonnen, Energie von den Schilden abzuziehen. Der Versuch, uns von der Farragut zu entfernen, war erfolglos. Wir können nicht manövrieren.«
Der erste Offizier stockte und blickte seinen Chefingenieur sorgenvoll an. Jedem im Raum wurde schlagartig klar, daß sie in der gleichen Lage waren wie die Farragut vor ihrer Zerstörung. Hätten intensive Gedanken Licht erzeugen können, wäre in diesem Moment jeder im Raum geblendet worden. Noch bevor es jemand schaffte, wieder das Wort zu ergreifen, erzitterte die Republic von einem heftigen Treffer.
»Es sieht fast so aus, als würden die Spiele beginnen. Alle Mann auf Gefechtsstation!«, befahl der erste Offizier ohne langes Zögern. Die Gruppe hastete zum nächsten Turbolift zur Brücke. Nur Dr. Greenlake blieb zurück. Nachdenklich blickte sie ihren Kameraden hinterher.

Auf der Brücke angekommen nahm jeder sofort seinen Platz ein und kontrollierte die Anzeigen. Der erste Angriff erfolgte auf die hinteren Schilde – wie bei der Farragut – und hatte beträchtlichen Schaden angerichtet. Robert Brady verteilte Energie, um den geschwächten Schild zu stärken. Der nächste Treffer war noch heftiger als der letzte. Diesmal wurde der vordere Schild getroffen.
Lt. Syrex stutzte und bat dann den ersten Offizier um etwas Ungewöhnliches: »Sir, ich habe eine Vermutung. Dieses Ding hat ganz gezielt den Schild angegriffen, der geschwächt war. Wenn wir jetzt absichtlich einen der Schilde auf halber Energie laufen lassen und die anderen stärken, sollten wir feststellen, ob das nur ein Zufall war oder die Taktik dieses Dings ist. Wenn ja, haben wir es.«
Der erste Offizier stimmte dem Vorschlag ohne viel Federlesens zu. Pünktlich wie bei einer Schweizer Uhr kam der nächste Treffer. Wie von Lt. Syrex angenommen, galt der Angriff dem schwächsten Schild.
Triumphierend wandte sich der Taktiker wieder an den ersten Offizier: »Jetzt weiß ich es. Dieses Etwas greift immer den schwächsten Schild an. So können wir es vor unsere Phaser locken. Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, daß es Spuren hinterläßt, damit ich es aufs Korn nehmen kann.«
Der Chefingenieur drückte einige Knöpfe und meldete dann: »Aus den Warptriebwerken entweicht jetzt Plasma. Wenn es ein materielles Etwas ist, muß es durch und wird so Spuren hinterlassen. Ich werde die Schilde so konfigurieren, daß es direkt reingelockt wird und es dann noch vorne in Phaserreichweite bringen.«
Ein erneuter Treffer schüttelte die Offiziere auf der Brücke durch.
»Ich leite die Hilfsenergie und die verbliebenen Notreserven in die Schilde um und schwäche jetzt den vorderen Schild. Ist auf den Sensoren schon etwas zu erkennen?«
Lt. Syrex bestätigte fast sofort: »Ja, da kommt eine Schleppe Plasma direkt vor die Phaserkanonen.«
Der Lieutenant wartete gespannt und brachte schließlich die erlösende Meldung: »Ziel im Visir!«
«Feuer, Mr. Syrex!«, war Hinkleys kurzer, aber eindeutigter Befehl.
Die Phaser blitzten auf und richteten ihre tödliche Energie auf die kleine Plasmaschleppe vor der Republic. Das Plasma entzündete sich, und im Schatten der kleinen Explosion zeigten sich deutlich die Umrisse eines Objektes. Ohne weitere Befehle abzuwarten wechselte Lt. Syrex das Ziel und feuerte erneut. Diesmal wurde das Etwas getroffen.
»Es zieht keine Energie mehr von uns ab. Antrieb arbeitet normal. Manövrieren sollte wieder möglich sein«, meldete der Chefingenieur voller Freude.
Noch bevor der Erste Offizier weitere Befehle geben konnte, leuchtete ein heller Feuerball vor der Republic auf, und Trümmerstücke stoben auseinander. Was immer die beiden Schiffe angegriffen hatte – es war jetzt keine Gefahr mehr.

Nachdem der Angreifer ausgeschaltet war, nahm die Republic das Wrack der Farragut in Schlepp und brachte es zur nächsten Basis. Auf dem Weg dorthin konnte dann Captain Tyron wieder das Kommando übernehmen. Er hatte seine Krankheit wohl dank des blauen Zeugs überstanden.


Inhaltsverzeichnis des Computerlogbuchs der U.S.S. Republic Inhaltsverzeichnis des Computerlogbuchs der U.S.S. Republic
Copyright ©1999 Rainer Semmelmann.
Erstellt am Fre, den 17.12.1999 von Martin Stricker.
Zuletzt geändert am Fr, den 15.12.2000 um 21:25.